(photo: first from right)
Biography
Peter Wagner studied “Agrarwissenschaft,” or agricultural sciences, at Technical University Munich, from 1997 to 2004, and has a degree in engineering. He focused on agricultural policies, and, for his thesis, he concentrated on spatial competition in the milk-processing industry. From 1999 to 2000 he attended the “Deutsche Journalistenschule” in Munich and earned a so-called “editor´s degree.”After finishing his studies, he worked for the weekly DIE ZEIT in Hamburg as Editor of the magazine “DIE ZEIT – Der Studienführer”, which is aimed at high school graduates. After that he worked for the image campaign “Germany – Land of Ideas” in Berlin, which the German government and German industry launched for the World Cup 2006. At this job, he edited a book and a magazine for investors from abroad. In February 2006 he moved back to Munich to Süddeutsche Zeitung where he works for jetzt.de. The five editors and reporters in this department do innovative print- and online-journalism for young adults between 18 and 35 years of age. In 2007, jetzt.de received the 2007 “Axel-Springer-Preis” for its work. As a Burns Fellow, Peter hopes for new ideas, inspiration and every kind of input to help inform his work and life at home.
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Final Report
Kurz nach meiner Rückkehr waren alle weg. Zuerst erreichte mich eine Mail, in der es hieß, dass im Newsroom der Spokesman-Review zwischen zehn und 20 Redakteure, Reporter und Fotografen entlassen werden sollten. Der Eigner-Familie genügt die vorhandene Rendite nicht und es galt für den Chefredakteur, zu sparen. Soviel wusste ich. Dann erreichte mich eine weitere Mail, aus der ich las, dass jene gekündigt wurden oder freiwillig gegangen sind, mit denen ich diese zwei Sommermonate im Nordwesten der USA verbracht habe. Doch von Vorne.
Spokane ist prima. Die Stadt zählt 190.000 Einwohner und ist bisweilen Kulisse für Hollywood-Filme, die in New York spielen. Tatsächlich erinnern manche Ecken der Innenstadt, zwickt man die Augen zusammen, an New York. In erster Linie aber lässt sich ein Film in Spokane billiger produzieren, der Rest wird wohl im Computer dazugefriemelt. Spokane ist außerdem zwischen Seattle und, naja, Minneapolis die größte Stadt und versorgungstechnisch wichtig für all die Präriebewohner und Cowboys und Drogenabhängigen in Washington, Idaho und Montana. Spokane liegt im Wilden Westen und die Stadt gilt als eine der Methamphetamin-Metropolen in den USA.
Carla Savalli wuchs hier auf und verbrachte ihr Leben beim Spokesman. Sie ist eine der geschäftsführenden Redakteure, sagte mir am ersten Tag hallo, zeigte mich den gut 40 Menschen im Newswroom und dem Chefredakteur, sie ging mit mir essen, sie kümmerte sich. Brauchst du ein Fahrrad? Brauchst du ein Auto? Willst du wandern gehen? Top.
Danach hieß es: Wir schreiben dir nichts vor, aber wir helfen dir bei allem, was du vor hast. So wurschtelte ich mich in der ersten Woche in das Leben rein und sondierte brav Themen und Ideen und hatte schnell einige Aufträge für die City-Edition an der Backe. Super Sache, dachte ich also: Du wirst zwei feine Monate in Spokane-Stadt verbringen. Doch da kannte ich Jim Hagengruber noch nicht.
Hagengruber, 31, verheiratet, ein Hund namens Ollie und eine Katze namens Gillman. 2002 war er Burns-Fellow bei der Süddeutschen in München. Er war der Volltreffer und arbeitete im Spokesman-Büro in Idaho. Jim schrieb früher über Indianer und dann für den Spokesman über Natur und Umwelt. Er erzählte mir von Big Foot-Fahndungen, Grizzly-Bären, Waldbränden, Geisterstädten und der Big-Sky-Country namens Montana, die ein paar Meilen weiter westlich seines Hauses beginnt. Er gab mir so viele Themenideen, dass ein ganzer Block für´s Aufnotieren kaum reichte. Wir diskutierten über Journalismus und Schriftstellerei – er hatte gerade seinen Master in Creative Writing neben der Arbeit gemacht; er gab mir die Bücher zu lesen, die ich brauchte, um den Nordwesten der USA zu verstehen. Er forderte mich außerdem zum Reisen auf, weil er der Überzeugung war: Du musst dir dieses Land erst anschauen, ehe du drüber schreiben kannst.
Wir besuchten den Schauplatz eines unfassbaren Umweltskandals, wanderten mit Freunden fünf Tage durch den Norden des Yellostone-Nationalparks, wir interviewten Rudy Giuliani, wir spielten Basketball, wir trafen John Edwards und besuchten einen Politiker in Montana, der vielleicht im kommenden Jahr noch eine enorme Rolle im Wahlkampf in den USA spielen kann.
Trotzdem dauerte es, ehe ich zum Schreiben kam. Ein bisschen Arbeit war noch von Zuhause übrig, so dass ich unter anderem in den seltsamen Genuss kam, nachts um drei Uhr Spokane-Zeit die deutsche Entwicklungsministerin zu interviewen. Zudem war ich schlicht überwältigt, weil ich vor lauter Geschichten nicht wusste, wo beginnen. Der Umweltskandal? Die Smokejumper, die aus dem Flugzeug in die Feuer springen? Oder doch zu dem Grizzlyman im Glacier-Nationalpark fahren? Ich begann irgendwann mit kleinen Lokalgeschichten für den Spokesman und grub mich langsam nach oben durch die Themendecke. Was nichts daran änderte, dass ich am Ende mit vollen Blöcken nach Hause fahren musste und erst jetzt die Geschichten aus meinem Aufenthalt abarbeiten und nach und nach unterbringen kann. Die wichtigste dieser Geschichten ist nicht von mir, sie ist nun in der SZ erschienen. Ich durfte Jims Langzeitbeobachtung eines Brüderpaares übersetzen, die er für jetzt.de schrieb: Im Oktober fuhren die Zwillinge Matthew und Robert Shipp in den Irak beziehungsweise nach Afghanistan. Jim und ein Fotograf des Spokesman begleiten die beiden schon seit Schulzeiten.
Soweit mein Aufenthalt in recht groben Zügen. Nach meiner Rückkehr schrieb Hagengruber von den drohenden Entlassungen. Der Chefredakteur bezeichnete ihn mir gegenüber als einen seiner besten Reporter, Jim war also gelassen. Wir telefonierten gerade noch einmal wegen der Marines-Geschichte, als er abbrechen musste: Der Chef kam in das Spokesman-Büro in Idaho. Es ist das einzige Büro des Spokesman ausserhalb von Spokane. Eine Stunde später erreichte mich eine Mail: „I got laid off!“ Das Büro wurde komplett geschlossen, so mussten auch die Reporter gehen, mit denen ich täglich zu tun hatte. Der Reporter in Spokane, dessen Platz ich während seines leave of absence eingenommen hatte, hat selbst gekündigt. Meine Tischnachbarin hat gekündigt. Die Fotografin, mit der ich viel zusammen gearbeitet habe, hat gekündigt. Binnen Tagen hat die Zeitung einige der besten Leute verloren oder hinausgeworfen.
The Spokesman-Review ist einige der wenigen verbliebenen regionalen Qualitätszeitungen in den USA und ich durfte zwei Monate lang verstehen, warum. Sie soll aber mehr Rendite abwerfen.