(photo: eighth from right)
Biography
Christian Rüttger, 37, earned his master’s degree in American Studies and Communication Studies from Berlin’s Free University in 2000. In his thesis, he analyzed the multiculturalism debate in the United States. During his studies, he spent one academic year as a German Academic Exchange Service (DAAD) scholar at Harvard University’s Graduate School of Arts and Sciences. There, he participated in the colloquium “History of American Civilization.”Over the past six years, Christian has been working for the news agency Reuters’ German language service in different positions and departments. Currently, he is a senior subeditor at the foreign news desk, editing and covering a vast number of topics ranging from the conflict in the Middle East to E.U. politics. His focus, however, lies in U.S. affairs –he was responsible for the coverage of the 2006 congressional elections and is covering the current build-up for the race to the White House. Christian also worked as a correspondent for domestic politics and business news in Düsseldorf. One of his personal career highlights, however, was the coverage of last year’s Soccer World Cup in Germany which he supervised for Reuters’ German text service. Before he joined Reuters, Christian worked for German television outlet SAT.1 and acquired experience during internships in the area of public relations and publishing. Since his early childhood, the USA played a major role in Christian’s life. Due to his father’s profession as a German soldier, his family was stationed for several years in Huntsville, Alabama, and El Paso, Texas. Since then, he has visited the United States on a regular basis. He has traveled to most states, except for Alaska, and he has never actually worked in America as a journalist. The Burns fellowship gives Christian the opportunity to fill these two gaps. During his time with the Anchorage Daily News, he wants to explore some of the topics that relate to his work at Reuters – e.g., the presidential campaign. But he also hopes to explore some of the key issues and ambiguities that make up America, or at least the idea of it. Alaska, in all its extremes, should offer some interesting and fruitful ground for such endeavors.
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Final Report
2007 war ein spannendes, wenngleich schwieriges Jahr für die „Anchorage Daily News“. Es wurde endgültig klar, dass die US-Zeitungskrise auch vor Alaska nicht halt machen würde. Zu einer schwindenden Auflage und untreuen Anzeigenkunden gesellten sich Sparauflagen vom mächtigen, aber an der Börse ins Straucheln geratenen McClatchy-Konzern, dem die Zeitung seit 1979 gehört. Das Management machte aus der Not eine Tugend – und beschloss, einerseits fortan ganz auf die Lokalberichterstattung zu setzen und andererseits das Angebot im Internet auszubauen.
Als ich im August in Anchorage ankam, war dieser Prozess in vollem Gange – und längst nicht abgeschlossen. Die Zuständigkeiten der Redakteure und wenigen Reporter wurden neu umrissen, verteilt oder schlichtweg gestrichen. Und das Personalkarussell drehte sich fleißig. Mehrere Kollegen nahmen in den zwei Monaten, in denen ich in Alaska war, ihren Hut. Leider oft nicht deshalb, weil sie etwas Besseres aufgetan hatten.
Die Gedanken vieler „Daily News“-Mitarbeiter kreisten verständlicherweise um ganz andere Dinge als dass da noch viel Platz gewesen wäre für diesen Kollegen aus Deutschland. Nach meiner Begrüßung durch die Sekretärin des Chefredakteurs wurde ich an einen Schreibtisch gesetzt – und von da an zunächst einmal mir selbst überlassen. Wie sich herausstellte, gingen die Kollegen davon aus, dass ich ausschließlich als Gast gekommen sei, um über Alaska in deutschen Medien zu berichten – und nicht, um tatsächlich in der Redaktion der „Daily News“ mitzuarbeiten. Schulterzuckend wurde mir geraten, es doch in der Metro-Redaktion zu versuchen.
Das Metro-Ressort ist die wichtigste und zugleich einzige Redaktion der „Daily News“, die auch mit Reportern besetzt ist. Ihre Aufgabe ist es – ganz im Sinne der Konzentration auf Lokalnachrichten – Geschichten in Anchorage und Alaska nachzugehen. Allerdings existiert so gut wie kein Reisebudget. Die meisten Reporter erledigen ihre Arbeit also fast ausschließlich per Telefon. Oder sie bedienen sich beim Agenturmaterial. Früher, so wurde mir immer wieder von den „alten Hasen“ vorgeschwärmt, seien die Reporter auch dank der vollen Kassen noch im Geländewagen und per Kleinflugzeug in den „Bush“ aufgebrochen, um direkt vor Ort zu recherchieren. Doch 2007 war das definitiv nicht mehr angesagt. Die Vorstellung vom aufregenden Abenteuer-Journalismus musste ich also erstmal ad acta legen.
Dennoch war das Metro-Ressort genau der richtige Ort, um möglichst rasch viel über Alaska zu erfahren und den mit Spannung erwarteten Eindruck vom amerikanischen Journalisten-Alltag zu bekommen. Ich konnte vom ersten Tag an die Kollegen, die doch mal auf Termine gingen, begleiten, und ihnen Material zusteuern. Meine erste größere Geschichte schrieb ich über die Eröffnung der ersten deutschsprachigen Schule Alaskas und die „unsichtbare deutsche Gemeinde“ von Anchorage, deren Größe von vielen unterschätzt wurde.
Gleichzeitig verbrachte ich in den ersten Wochen (auch zwangsläufig wegen eines kurz vor meiner Ankunft in Alaska zugezogenen mehrfachen Bänderrisses) viel Zeit mit den Blattmachern in der Redaktion. Gerade aus Sicht eines Agenturjournalisten war es spannend zu sehen, wie sich die „Daily News“ in der aktuellen, schwierigen Marktlage versuchte neu zu positionieren. Unterm Strich empfand ich es fast schon schockierend, in welchem Umfang sich die Zeitung zusammensetzte aus dem Material von AP (Reuters wurde nicht abonniert) sowie den Berichten anderer McClatchy-Blätter und Zeitungen, mit denen eine Kooperation bestand (u.a. „Chicago Tribune“, „Washington Post“ oder „New York Times“). Insbesondere das „Ressort“ Internationales war einzig ein Digest aus diesem zugelieferten Material. Eine Mitarbeit in diesem Bereich, wie sie auf dem Vorbereitungstreffen in Washington als eine Möglichkeit des Einstiegs empfohlen wird, war unerwünscht, da hier prinzipiell nicht selbst geschrieben wurde. „We don't do international news“, wurde mir klipp und klar gesagt. Und das galt auch, wenn es sich um Nachrichten aus Deutschland handelte.
Ganz ähnlich ging es in anderen zentralen Ressorts zu. Als z.B. im 500 Kilometer von Anchorage entfernten Fairbanks die Weltpremiere der Sean-Penn-Verfilmung des Jon-Krakauer-Bestsellers „Into the Wild“ gefeiert wurde, schickte die „Daily News“ keinen eigenen Reporter zu diesem gerade aus Alaska-Sicht wichtigen Kultur-Termin. Stattdessen druckte sie am nächsten Tag den nüchternen AP-Bericht über den an Originalschauplätzen gedrehten Streifen, der die wahre Geschichte eines Aussteigers erzählt, der in Alaskas Wildnis verhungert.
Im Berliner „Tagesspiegel“ habe ich einen ausführlichen Bericht über den Spagat, den die „Daily News“ derzeit leisten muss, veröffentlicht. Das Einsatzgebiet der „Daily News“-Reporter begrenzte sich also überwiegend auf die Stadt Anchorage. Das Problem daran umreißt einer der Sprüche, den man vor Ort immer wieder zu hören bekommt: „Anchorage is just twenty minutes away from Alaska.“ In der Tat wirkt die Stadt auf den ersten Blick wie eine der vielen gesichtslosen zersplitterten Siedlungen, auf die man auch in den Lower 48 entlang der Highways und Interstates immer wieder stößt. Fast-Food-Ketten, Shopping Malls, mehrspurige Autobahnen. Mit der Wildnis Alaskas hat das wenig zu tun. Die Kollegen bei der „Daily News“ rieten mir immer wieder, möglichst viel aus der Stadt rauszufahren und das „echte Alaska“ zu erleben. Manch einer sehnte sich wohl selbst danach, waren sie doch an ihre Schreibtische gefesselt.
Wenn man sich die Landkarte Alaskas ansieht, stellt man schnell fest, dass der Staat zwar riesengroß ist – die Fläche beträgt das Fünffache Deutschlands –, es aber nur wenige Straßen gibt. Eine davon ist der legendäre Dalton-Highway, der sich von Fairbanks über den Yukon River, den Polarkreis und die kontinentale Wasserscheide hinweg durch die Tundra bis hoch in den Norden nach Deadhorse/Prudhoe Bay am Arktischen Ozean erstreckt. Eigentlich handelt es sich um keine echte Straße, sondern um eine 400 Meilen lange Schotterpiste, die teils provisorisch über den Permafrost gelegt wurde.
Der Dalton gilt als einer der gefährlichsten Highways in Nordamerika und wird hauptsächlich von schweren Trucks befahren, die Material zum größten Ölfeld der USA transportieren. Mietwagen sind in diesem Niemandsland quasi verboten, Handy- oder Radioempfang gibt es nicht, das Wetter kann alle paar Minuten umschlagen und die Straße in eine gefährliche Rutschpartie verwandeln.
Wollte ich diesen Teil der „Last Frontier“ erkunden, musste es an der Seite eines dieser Truck-Fahrer sein, die den Dalton jede Woche bezwingen. Eine Fahrt auf dem Highway erschien mir wie die perfekte Möglichkeit, mehrere Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Ich würde viel von Alaskas Landschaft sehen und endlich in einem dieser amerikanischen Monster-Trucks mitfahren. Seit ich vor einigen Jahren im Zickzack-Kurs quer durch die USA von der Ost- zur Westküste gereist bin und dabei öfter auf Truckstops im Auto übernachtete, wollte ich diese Leute kennenlernen, die ihr Leben „on the road“ verbringen.
Es dauerte ein wenig, bis ich die Verantwortlichen bei einer Truck-Firma überzeugen konnte, dass mich einer ihrer Fahrer mitnehmen sollte, aber schließlich willigten sie ein. Als ich den Kollegen bei der „Daily News“ von meinem Vorhaben erzählte, musste ich versprechen, so viele Kontaktdaten wie möglich zu hinterlassen, mich regelmäßig zu melden und meiner Frau nichts zu erzählen, bevor ich wieder heil zurück war.
Mein Fahrer entpuppte sich als wahrer Glückstreffer. Ich machte ihn zur Hauptfigur meiner Geschichte. Die „Daily News“ brachte über Tage hinweg Teaser zu der Story und druckte „The Long Haul“ schließlich mit meinen Fotos als Aufmacher einer Sonntagsausgabe, zusätzlich bekam ich neben der Titelseite die gesamte letzte Seite des ersten Buchs zugesprochen.
Im Internet erschien die Geschichte parallel, angereichert mit einer Online-Dia-Show, die weitere Fotos des Trips zeigte. Außerdem schaltete die „Daily News“ eine Seite für Leser-Kommentare frei. Wie alle anderen Autoren gab ich eine Email-Adresse an, um für Feedback erreichbar zu sein. Noch Wochen nach Veröffentlichung der Story bekam ich Leserpost. Für einen Agenturjournalisten, der ansonsten meist in der Anonymität seines Kürzels hinter dem Namen Reuters verschwindet, ist es eine großartige Erfahrung, plötzlich diesem direkten, ungefilterten Austausch mit den Lesern ausgesetzt zu sein.
Mein persönliches Highlight war die Reise in dem Truck und der Bericht darüber. Ich bin mir nicht sicher, ob es möglich gewesen wäre, eine Geschichte so prominent auch bei einer größeren US-Tageszeitung unterzubringen. Leider gilt für die „Daily News“ in ihrer aktuellen Lage nicht zwangsläufig was offenbar für viele andere kleinere Zeitungen richtig ist, nämlich dass man ohne weiteres in den Redaktionsalltag einsteigen kann. Zu sehr setzt die Zeitung auf Material anderer Zulieferer, vor allem im Bereich Internationales. Andererseits hat man als Fellow große Freiheiten und kann auf eigene Faust losziehen, was dankbar angenommen wird. Allerdings muss man sich auf eigene Kosten durchschlagen. Wer sich für Anchorage als Station interessiert, dem muss klar sein, dass Alaska kein billiges Pflaster ist. Die Stadt ist zudem von der Fläche her riesig und das öffentliche Verkehrswesen nicht der Rede wert. Wer kein Problem damit hat, gelegentlich richtig nass zu werden, ist mit einem Fahrrad gut dabei, ein Auto ist aber definitiv die angenehmere Variante.
Wie meistens bei solchen Aufenthalten hängt es aber ohnehin in erster Linie davon ab, wie man mit den Menschen zurecht kommt, mit denen man in der Zeit zu tun hat. Die Kollegen bei der „Daily News“ haben es mir leicht gemacht, privat schnell Fuß zu fassen. Die Stimmung im Newsroom war trotz der schwierigen Phase überwiegend entspannt, was ich wirklich bemerkenswert fand. Ich habe einige tolle Freundschaften geschlossen. Allein für die Abschiedsparty haben sich die zwei Monate in Alaska gelohnt.
Bleibt zum Schluss das Wichtigste, nämlich ein großes Dankeschön an Mario und Frank! Der Aufenthalt in Alaska gehört ohne Zweifel zu den Höhepunkten meiner journalistischen Laufbahn. Ich habe viel mitnehmen können, wovon meine Arbeit bei Reuters profitieren wird. Die Tage in Washington waren ein toller Einstieg. Und ein letzter Rat an künftige Fellows: Verzichtet darauf, Euch in Airlie beim Sport auszutoben. Legt euch in den Pool und entspannt Euch. Gerade Alaska macht mit einem kaputten Fuß nur halb so viel Spaß.