(photo: fourth from left)
Biography
Paul-Anton Krüger, 29, studied journalism, international relations and law at the Free University of Berlin from 1998 to 1999, and at the Ludwig-Maximilian-University in MunichGerman School of Journalism in Munich. In 2001, he started working as a freelance reporter and editor for the online outlet of the Süddeutsche Zeitung, a major national newspaper based in Munich, Bavaria. Since 2002, he has been working for the paper’s news desk as part-time editor and contributed as a reporter to multiple sections of the paper. In 2005, he joined the trainee program at the Süddeutsche Zeitung and has been mainly working for the news and politics departments including assignments as reporter to the paper’s Berlin and Brussels bureaus. He is going to join the paper’s foreign news staff on returning from the U.S. Paul also did internships at La Provence, a French regional daily in Marseille and at Der Standard, an Austrian daily in Vienna. He has been living in Munich for the last six years but also enjoyed his recent stays in Berlin and Brussels very much. The Burns fellowship will give Paul a chance to further broaden his journalistic experience and to explore U.S. politics, culture and way of life first-hand. He is hoping to contribute to the creation of mutual understanding through his writing, both in the U.S. and Germany.
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Final Report
„Wir wohnen in Hyde Park“, schrieb Greg, der Kollege von der Chicago Tribune, bei dem ich später wohnen sollte in der ersten E-Mail - jener Gegend also im Süden von Chicago, in der die berühmte Chicago University gelegen ist, in der Oprah Winfrey wohnt und auch Barack Obama. So ganz stimmte das nicht, denn ein paar Blocks auf dem Stadtplan entpuppen sich in der Realität Chicagos oft als Welten. Zwar war auch mein temporäres Zuhause ein neu gebautes Townhouse in einer wohlhabenden Gegend, die ganz überwiegend von Schwarzen bewohnt wird, doch versäumte es mein Gastgeber nicht, mich in der ersten Woche darum zu bitten, doch lieber mit dem Taxi nach Hause zu fahren, wenn es einmal spät werden sollte. Läuft man nämlich die zwölf Blocks bis zur U-Bahnhaltestelle der roten Linie (47th Street), kommt man ein paar Querstraßen weiter an vergitterten Liquorstores vorbei und dem einen oder anderen Abbruchhaus. Nicht jeder sei hier vertrauenswürdig und friedlich, beschied mein weißer Gastgeber, der einige Jahre zuvor mit seiner ebenfalls weißen Familie aus dem weißen Norden der Stadt in den schwarzen Süden gezogen war.
Wenn man so will, hatten sie damals eine politische Entscheidung getroffen, in diese Gegend zu ziehen, die sich unter den Augen von Stadtplanern der Chicago University in eine vom Einkommen und der Hautfarbe ihrer Bewohner gemischtes Viertel gewandelt hat (und noch immer wandelt). Allein die Segregation der Stadt am eigenen Leib zu spüren, das Gefühl zu erleben, als einziger Weißer im Bus merkwürdig angeschaut zu werden, lässt einen viel mehr verstehen, welche Rolle die Hautfarbe im Alltagsleben aber auch in der amerikanischen Politik heute noch spielt, als jedes Buch, das man darüber lesen kann.
Auch in Gesprächen mit Kollegen bei der Tribune, etwa denen die über den Präsidentschaftswahlkampf von Barack Obama berichten, kam das Thema immer wieder auf, wenn es um seine Wahlchancen ging – ob seine Hautfarbe ihm zum Vorteil oder Nachteil gereichen würde, war freilich umstritten. Für klar hielten viele der Reporter nur eines: Egal wer der demokratische Kandidat werden wird – die Tribune wird am Ende eine Wahlempfehlung für die Republikaner aussprechen. Die zwölfköpfige Kommentarredaktion, bei der ich den ersten Monat der Fellowship verbrachte, ist weithin als eine der konservativsten unter den großen amerikanischen Blättern bekannt, was gerade viele der Reporter und Redakteure im eigenen Haus kritisch sehen. Der Eindruck stimmt nicht uneingeschränkt, denn bei vielen Themen, die gemeinhin als Lackmustest für republikanische Gesinnung gelten – Todesstrafe, Abtreibung, Waffenkontrollgesetze – vertritt die Tribune wesentlich differenziertere Positionen. Den Irak-Krieg verteidigt sie freilich immer noch.
Für mich stellte sich die Aufgabe, in den Diskussionen des Editorial Boards Themen nicht nur mit einer zumindest grob durchdachten Analyse einzubringen, sondern zugleich auch immer die Frage zu beantworten, welches Interesse denn ein Leser in Chicago oder zumindest in den USA an dem Thema heben könnte. Afghanistan und Kosovo erwiesen sich ob des amerikanischen Engagements dort als zugkräftig. Allerdings werden auch Themen kommentiert, die es in Deutschland wohl selten auf eine Meinungsseite schaffen würden, etwa ein Youtube-Video, das zeigte, wie eine Herde Gnus in einem afrikanischen Nationalpark seine Jungen gegen eine Herde von Löwen verteidigte. Auch sprachlich versucht die Redaktion nahe am Leser zu sein. Meine manchmal mühevoll gefundenen Formulierungen wurden beim Redigieren von den Kollegen unter viel Lob für meine Sprachkenntnisse ein wenig geglättet, und man kann nicht sagen, dass die Texte darunter gelitten hätten.
Eine Autorenzeile auf der Op-Ed-Seite, auf der üblicherweise die hauseigenen sowie freie Kolumnisten schreiben, brachte mir dann eine Besonderheit ein, die man wohl am besten mit dem Begriff Blattlinie umschreiben kann. Das bedeutet, dass die Tribune eine einmal gefasste Position zu einem Thema wahrt, sofern sie sich nicht zu einer begründeten Korrektur veranlasst sieht, die sie ihren Lesern dann auch ausführlich begründet. Meine Ansicht, dass sich die französische Außenpolitik auch nach dem Besuch von Präsident Sarkozy auf der Ferienresidenz der Bushs in Kennebunkport nicht geändert habe, passte eben nicht zu dieser Blattlinie, weshalb der Text dann eben auf der Op-Ed-Seite erschien, die für abweichende Meinungen offen ist.
Den zweiten Monat verbrachte ich im Ressort Tempo, das eine Mischung aus Lifestyle, Kultur, Reportagen und bunten Themen ist – so recht hat sich mir der konzeptionelle Ansatz auch nach zwei Monaten intensiver Lektüre nicht erschlossen. Ich war nach einem Monat in der abgeschiedenen Ruhe des Editorial Board – nur dort haben die Redakteure Einzelbüros – angekommen im fünften Stock des Tribune Tower, der alle Ressorts beherbergt, die nicht im hergebrachten Sinn mit Nachrichten zu tun haben. In meinem Cubicle wurde ich herzlich empfangen von den Kollegen, und nach meinem Rundgang auf der alljährlich stattfindenden Süßwarenmesse für eine kleine Reportage kannten mich angesichts eines prall gefüllten Kartons voller Kostproben auch die Reporter, die auf der entgegengesetzten Seite des Riesenbüros ihre Plätze hatten.
Viele Fellows haben hier kleine Stücke über Alltagserlebnisse in Chicago geschrieben. Ich wollte mich eher auf ein paar größere Stücke auch für meine Heimatredaktion konzentrieren und habe das relativ locker Arbeitsklima für längere Recherchen genutzt. Wegen der Zeitverschiebung hieß das manchmal um vier Uhr morgens aufstehen, um pünktlich zum Redaktionsschluss in München liefern zu können. Doch auch wenn ich manchmal mit etwas müden Augen im Büro saß, haben die Kollegen regelmäßig darauf bestanden, mich in Ecken der Stadt zu entführen, die in keinem Reiseführer beschrieben sind, etwa einem Fastenbrechen-Mahl im Ramadan in ein pakistanisches Restaurant (und natürlich in angesagte Restaurants, Bars und Clubs).
Vieles über amerikanischen Journalismus, die Eigenheiten des Medienmarktes Chicago und die „Mother Tribune“ habe ich aus Gesprächen mit meinen Gastgebern gelernt, die beide als Journalisten arbeiten. Dass Gregs Frau Cheryl sechs Wochen vor meiner Ankunft bei der Konkurrenzzeitung Sun Times, einem Boulevardblatt, die Leitung der Kommentarredaktion übernommen hatte mit dem Auftrag, die Zeitung nach langen Jahren konservativer Ausrichtung wieder zu ihren liberalen Wurzeln zurückzuführen, hat sich als Ausgangspunkt vieler langer Diskussionen erwiesen, die bei einer Flasche Rotwein manchmal bis in die Nacht dauerten.
Je näher die Abreise rückte und je besser ich die Stadt kennen gelernt hatte, desto mehr Themen und Ideen kamen mir, sodass ich nur empfehlen kann, den Aufenthalt in Chicago zu verlängern. Die Stadt zu erkunden braucht seine Zeit, auch wenn die Tribune ihren Stipendiaten ein Fahrrad zu Verfügung stellt, das für Entdeckungsfahrten sehr nützlich ist. Zudem wird das Wetter, das im August manchmal den Tropen ähnelt, im September wesentlich angenehmer. Die Chicagoer strömen dann fast jedes Wochenende zu kostenlosen Musikfestivals in den Grant Park und bevölkern die Fahrradwege und Strände am Lake Michigan. Was Kultur- und Freizeitangebote angeht, braucht sich die Stadt jedenfalls auch vor europäischen Metropolen nicht verstecken. Da wird einem schnell klar, warum viele hier gar nicht in New York leben wollen, auch wenn sich die Second City immer noch gerne ihrem Minderwertigkeitskomplex hingibt.