(photo: second from left)
Biography
Philipp Abresch lives in Hamburg and works as a news and current affairs reporter for the Norddeutscher Rundfunk (NDR) which contributes to the news program of the national television network ARD. Philipp has been with NDR in different positions since 2001. Among other programs, he completed an eighteen month trainee program for editors after having finished his studies of Political Science at the Free University of Berlin, where his topic of final examination was Kosovo’s process of coming to terms with its past. During his studies, Philipp accumulated experience as editor and presenter of news shows for public and private radio stations in Germany. He also started working as a weekly radio correspondent for the German Language Program of SBS, an Australian public broadcaster. In 1999 Philipp founded the World Photo Project which aims to find new ways of reporting from crisis areas and war zones, based on the idea that it is not the journalist who covers a certain story but the people themselves who are affected. During the last few years, Philipp has organized projects, workshops, and exhibits worldwide - the latest in Lebanon, Syria and Iraq. The Burns fellowship will bring Philipp to CNN in Atlanta. He is looking forward to this new journalistic experience and hopes to convey some of his impressions through his reports to the German audience.
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Final Report
Wer auf die Toilette muß, kommt ins Fernsehen. Denn der Weg dorthin führt vorbei an einer handvoll Studiokameras. Schließlich ist der newsroom von CNN nicht nur Arbeitsplatz für geschätzte 200 Leute – er ist zugleich Fernsehstudio und Theaterkulisse. Vielleicht auch ein wenig mehr: Wer auf die Toilette geht, läuft durch die Operationszentrale eines Flugzeugträgers (wegen der vielen Monitore an der Wand), er spaziert durch Disneyland (weil alles so knallig und farbig bunt), vielleicht auch durch einen Wallmart-Megastore (mit all den Durchsagen von der Kasse und der Soundkulisse eines Shopping-Radios). Und irgendwie hat das ganze auch etwas von einem U-Boot. Vor allem U-Boot gefällt mir ganz gut. Denn hier im CNN- Newsroom verliert man auf wundersame Weise die Verbindung zur Außenwelt.
Tag und Nacht, Sonne oder Regen? Kaum zu sagen. Denn der CNN Newsroom hat weder Fenster zum öffnen noch zum rausgucken. Was draußen passiert, sieht man nur im Fernsehen. So machen manchmal Gerüchte die Runde, es habe gerade einen Wolkenbruch gegeben. Aber wie sollte man das verifizieren - so ganz ohne Blick nach draußen? Die weltgrößte Nachrichtenmaschine scheitert manchmal vor der eigenen Haustür....
Ums gleich vorweg zunehmen: Meine Zeit bei CNN war eine Erfahrung für’s Leben. Die Herzlichkeit, mit der ich aufgenommen, die Selbstverständlichkeit, mit der ich schnell in reguläre Schichten eingebunden wurde, haben mich beeindruckt.
Ich arbeite für das International Desk, so eine Art Dienstleister für ein knappes Dutzend CNN Plattformen: CNN International, CNN Domestic, CNN Plus (auf spanisch), CNN WIRES (die hauseigene Nachrichtenangentur), CNN Pipeline (das Internet-Fernsehen), CNN RADIO usw. usw.
Die jeweligen Show-Producer melden sich beim Desk, wenn sie einen Bericht oder eine Schalte ins Programm holen wollen. Wir aktivieren dann die Reporter oder deren Field-Producer in den jeweiligen Ländern, klären Verfügbarkeiten, sprechen Inhalt und Fragen ab, helfen bei der Recherche und kümmern uns um die technische Abwicklung: Bilder besorgen, Satelliten bestellen, Leitung aufbauen und - ganz wichtig - mit mindestens zwei Telefonhörern am Ohr, während des Live-shots Bindeglied zwischen Studio, Kontrollraum und Field-Producer sein. Für den Fall, dass die Leitung zusammenbricht, der Reporter in Ohnmacht fällt oder sich jemand, wie vor ein paar Jahren, während einer Pressekonferenz in den Kopf schießt. Wobei…mir fällt es schwer zu glauben, ich könnte mit meinen Telefonhörern etwas daran ändern...
Mein erster Einsatz Anfang August – eine Katastrophe. Ob ich aus Ostfriesland (Ost-freeze-leend, wirklich!) komme, fragt ein Kollege, weil ich anfangs nicht mal weiß, wie die Telefone funktionieren. Nach kurzer Einführung geht er zum Essen. „You are in the loop“. Und dann klingelt auch schon das Telefon. Ost-freeze-leend goes Baghdad…
Immerhin kann ich inzwischen aus einem breiten Repertoir schöpfen, wenn ich nix verstanden habe: „I didn’t get it“, „Say again, pls“, „Sorry, I’ m a bit lost...“ Übrigens nicht nur hilfreich bei den super-fast-speakern von CNN, sondern auch, wenn man’s mit einem verschlafenen Stringer in Sierra Leone zu tun hat oder dem Sprecher der sudanesischen Regierung.
Letzteres kommt fast täglich vor, womit wir beim nächstem Thema wären: Recherche. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit: eigenständige Recherche und eine möglichst unabhängige Bestätigung von Daten und Fakten. Trotzdem, die Konsequenz, mit der CNN das durchzieht bis in den hinterletzten Winkel der Erde ist bemerkenswert.
Agenturmeldungen sind dabei allenfalls ein Weckruf („We don’t consider AFP a reliable newssource.“ Oder wie wär’s hiermit: „We don’t wait for the news, we create it ourselves“). Wichtiger und für CNN vertrauenswürdiger sind die Reporter und vor allem das Heer von Stringern, die gemeinsam mit dem International Desk die Primärquellen anzapfen. Das geht soweit, dass bei Erdbeben, Unglücken oder Anschlägen die Urlaubslisten durchgegangen werden, ob nicht gerade ein Kollege in der Nähe ist...
Zur generellen Skepsis gegenüber Agenturen passt (eigentlich hat nur AP eine Bedeutung für CNN), dass die Zusammenarbeit mit Reuters gerade eingestellt wurde. Wobei das vor allem vertragliche Gründe hat. CNN darf keinen Schnipsel Reuters-Material übers Web vermarkten. Und gerade da will CNN in Zukunft MASSIV investieren (man kann das nicht groß genug schreiben!).
Zum Beispiel der I-Report:
Mitte August 2006 hat CNN das erste Mal seine Zuschauer aufgefordert, selbstgemachte Bilder über die webpage einzuschicken. Unter den ersten Fotos: ein Bombenkrater in Israel, das Portrait eines Soldaten im Irak und ein Eichhörnchen, das unter der Hitzewelle im Mittleren Westen leidet. Nicht unbedingt das, was man newsworthy nennen würde.
Inzwischen besteht das I-Report-Archiv aus 50.000 Einträgen aus 189 Ländern. Monat für Monat kommen im Schnitt 7000 Fotos, Videos und Zeichnungen dazu. Die Bilder sind fester Bestandteil des Programms. Sie werden von einer eigenen Redaktion systematisch erfasst, aufbereitet und den jeweiligen Plattformen zur Verfügung gestellt.
Noch ein wenig was aus der Rubrik Wissenswertes und Vermischtes?
CNN hat gemeinsam mit Inmarsat ein Satellitenübertragungssystem entwickelt, das hier unter dem Namen BGAN firmiert. Das System ist für CNN geradezu eine Revolution. Die Ausrüstung passt in zwei kleine Sporttaschen und ermöglicht Live-Schalten von nahezu jedem Ort, von erstaunlich guter Qualität bei ausgesprochen geringen Kosten.
Rechercheergebnisse fließen nicht nur ins Programm sondern auch in die CNN-Datenbanken. Zu allen relevanten Themen, von der Unabhängigkeitserklärung über Vietnam bis zum Irak-Krieg, von Krankenversicherung bis Fußball-Weltmeisterschaft finden sich umfangreiche Dossiers im CNN-Redaktionsystem/ Intranet. Aufsätze, Sprachregelungen, Linksammlungen, Adressverzeichnisse verfasst oder betreut von den jeweiligen Fachredaktionen, größtenteils mundgerecht geschrieben, laufend aktualisiert, mit wenigen clicks zu finden.
Sendeabläufe haben in etwa die Lebenserwartung eines MG-Schützen an D-Day. Eigentlich existieren sie kaum. Der jeweilige Senderedakteur hat vollkommen freie Hand, seine Sendung zu fahren – je nachdem welche Themen, Bilder und Reporter verfügbar sind. Das ist chaotisch, aber auch flexibel.
Die letzten zwei Wochen meines Burns-Stipendiums verbringe ich im CNN-Bureau in New York. „The evil has landed“ lese ich nach meiner Ankunft am Zeitungsständer. Allerdings, gemeint ist der iranische Präsident. Auf mich freut man sich eher als zusätzlichen Producer: In New York hat die UNO-Vollversammlung begonnen. Was die Leute sagen zu Ahmadinedschads geplanten Besuch an Ground Zero – das Thema meiner ersten Umfrage auf der 5th Avenue. Die Menschen halten tatsächlich an, verstehen tatsächlich meine Frage und geben tatsächlich gute Antworten („Ahmadinedjad? He should go to hell!“).
Anschließend bin ich mit UNO-Akkreditierung bewaffnet zwischen verknotetem Revolver und Picassos Guernica unterwegs. Halb Manhattan ist für die Vollversammlung abgesperrt. Nur zwei Dinge kommen ziemlich sicher in die Hochsicherheitszone: die Staats- und Regierungschefs und viele Pistolen, Sturmgewehre und Panzerfäuste, um sie zu schützen.
Wer also hätte ungestraft den CNN-Satelliten-Truck klauen können, und wie hätte gerade ich ihn verteidigen sollen mit bloßen Händen? Trotzdem übernehme ich an einem Tag den Wachdienst bis Mitternacht. Eine irgendwie ulkige Situation – als ich nach Hause gehe, habe ich zwar keine Tapferkeitsmedaille aber viele neue Freunde beim NYPD.
Das Himmelfahrtskommando am Hudson - mein letztes Abenteuer mit CNN. Und wie alle anderen zuvor, möchte ich es nicht missen!
Wie ich gerade bemerke, enthält dieser Bericht ungefähr genauso viele Worte, wie Kilometer zwischen Berlin und New York liegen. 6430! Das ist Zufall, aber ein so schöner, dass ich dafür plädiere, die Länge von Auslandsstücken künftig immer an der Entfernung zur Heimatredaktion zu bemessen. Je weiter weg schließlich, desto näher muss man’s bringen...