(photo: third from right)
Torben Börgers, 29, studied Movie and Television Sciences, Political Sciences and Sociology at the Ruhr-University of Bochum, Germany and the University Complutense of Madrid, Spain from 1998 to 2002 and earned a master’s degree in European Culture and Economy from the Ruhr University in 2005. In his final bachelor paper he examined the strengths and weaknesses of the American health care system, while in his master thesis he compared the European and US-American security strategies as reactions of the 9/11 terrorism attacks. During his course of studies Torben also spent some time as a volunteer social worker in Ahmedabad, India and worked for six months as a German language teacher in Beijing, China. He started his journalism career in 1995, writing reports on his everyday life at an American high school in Baltimore, Maryland. From then on he spent most of his weekends reporting all sorts of society events for the local newspaper of his hometown in Marl, Germany and became an intern with various TV and radio broadcasting companies as well. For four years, Torben was a reporter for the German Press Agency, at times running their local office in Dortmund, Germany. In 2005, Torben received an 18-month journalistic training at Norddeutscher Rundfunk (Public broadcast of Northern Germany) and has since been working there as a TV-reporter covering politics, media and regional topics. Torben is looking forward to spend his Burns fellowship with KCBS in Los Angeles, where he hopes to interchange “West Coast” and “Old Europe” styles of news production.
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Final Report
California Dreaming
„Also, was denkst Du über den Irak-Krieg?”. Ich hatte mit der Frage gerechnet. Aber so schnell? Steve, tief enttäuschter Ex-Clinton-Wähler, gerade frisch zum Republikaner konvertiert und seines Zeichens jüngster Schwiegersohn meiner mittlerweile 81jährigen Gastmutter aus High-School-Zeiten hielt sich nicht lange mit Formalitäten auf. Handgestoppte dreieinhalb Minuten zuvor war ich durch seine Terrassentür getreten – ziemlich genau zehn Jahre nach meinem letzten Besuch in White Marsh, Maryland zu Ostern 1997. Und jetzt das.
„Was denkst Du über den Irak-Krieg?“. Der halbgekaute Bissen eines Truthahn-Sandwichs, das Betty Jane, meine Gastmutter, mir unmittelbar zuvor mit einem unmissverständlich aufforderndem Blick über den Tresen der frisch renovierten Einbauküche gereicht hatte, gab mir gefühlte zehn Sekunden Zeit zum Nachdenken – keine Ewigkeit angesichts einer Frage, die auf dem Höhepunkt eines neu entfachten US-Patriotismus gestellt in etwa so unverfänglich daherkam wie die Bitte eines indischen Grundschullehrers, der mich vor wenigen Jahren während eines Entwicklungshilfe-Praktikums aufforderte, doch vor versammelter Schülerschaft meine Meinung über die Pakistaner hinter den Bergen kundzutun – nachdem er mir erzählt hatte, dass jeder einzelne von seinen Schützlingen ein Familienmitglied an den Erbfeind verloren hatte.
Amerika hat sich verändert. So viel Plattitüde muss erlaubt sein. Denn es stimmt. Ich war einen Tag vor dem offiziellen Start der legendären Washington-Woche eingereist, um dorthin zurückzukehren, wo meine Liebe zum Land der (un)-begrenzten Möglichkeiten im zarten Alter von 16 Jahren begonnen hatte. Und traute meinen Augen kaum. Entlang der gottverlassenen Landstraße, auf der mir mein bester Freund damals illegaler Weise hatte Autofahren beibringen wollen, reihten sich mittlerweile Altenwohnungen soweit das Auge reicht – auch Amerika kann trotz signifikant höherer Geburtenraten das Lied vom demografischen Wandel singen..
Was sich nicht verändert hatte, war die Herzlichkeit der Amerikaner (ok, zweite Plattitüde, aber jetzt hör’ ich auf). Meine Gastmutter war vor einigen Jahren umgezogen (natürlich in eine der neuen Altenwohnungen) und ließ es sich nicht nehmen, mir sämtliche Nachbarn vorzustellen, die mich denn auch überschwänglich begrüßten. Praktisch jeder im Haus hatte deutsche Verwandte in irgendeiner Form, dem alten Europa schon Mal einen Besuch abgestattet oder zumindest Freunde, auf die eines der beiden Kriterien zutraf. Vorurteile oder Ressentiments? Keine Spur.
Daran änderte sich auch nichts als ich das vorläufige Ziel meiner Reise erreichte – den eben erst frisch bezogenen Newsroom von KCBS2/KCAL in Los Angeles. Mir zu Ehren und ebenso überraschend wie rührend hatte Claudia, eine ehemalige Burns-Stipendiatin und als in Deutschland aufgewachsene Tochter eines US-Amerikaners und einer Mexikanerin so etwas wie die personifizierte Modell-Kalifornierin, einen kleinen Empfang für mich organisiert. Und da standen sie nun: Reporter, Producer und Moderatoren der zweitgrößten CBS-Filiale der Vereinigten Staaten, um dem German Boy „Guten Tag“ zu sagen.
Ich glaube es gab niemanden, der nicht wenigstens eine deutsche Tante sein Eigen nannte oder zumindest schon Mal mit gleich gesinnten Japanern auf dem Münchener Oktoberfest interkulturelle Erfahrungen der besonderen Art gemacht hatte. Unverkrampfter und herzlicher hätte die Begrüßung nicht ausfallen können – America at its best.
Ähnlich unverkrampft ging es denn auch weiter: Auf die PC- folgte eine Sicherheitsschulung, in der mir ein älterer Kollege mit betont gleichgültiger Stimme den Rat gab, mit geschlossenen Beinen aus dem Übertragungswagen zu springen, falls wir ähnlich wie kurz zuvor andernorts geschehen mit unserem Sendemast eine Überlandleitung streifen und damit das Fahrzeug in einen elektrischen Stuhl verwandeln sollten. Derart professionell vorbereitet zögerte ich nicht lang und verabredete mich zu meiner ersten Drehbegleitung. Am nächsten Tag ging’s los..
Eine Exil-Mexikanerin hatte in einer Chicagoer Kirche Zuflucht vor Abschiebung gesucht und war auf einer Stippvisite in Los Angeles verhaftet worden. Jetzt trafen sich Bürgerrechtler und Minderheitenvertreter mitten in Downtown, um ihrem Protest Schilder schwenkend Gehör zu verschaffen.
Nach knapp einstündiger Fahrt durch schwersten Feierabendverkehr erreichten wir - Reporter Dave Clark (bekannt aus diversen Gastauftritten in Hollywood-Streifen wie zum Beispiel „Scary Movie“ als er selbst), Kameramann Franzisko (gebürtiger Madrilene) und meine Wenigkeit - den Ort des Geschehens. Nur um erst mal eine halbe Stunde darauf zu warten, das etwas passiert. Als es dann allmählich losging waren Gott sei Dank binnen weniger Minuten ein paar verwertbare Nachrichtenbilder im Kasten bzw. auf der Hard Disc (in den USA wird tape-los produziert) – denn zu mehr war keine Zeit. Franzisko musste seine Pause machen, um dem Management keinen Stress mit der Gewerkschaft einzubrocken. Da sag’ noch mal einer, in den Staaten hätten Gewerkschaften nichts zu sagen! Das Gegenteil ist der Fall..
Die völlig arbeitsteilige und strikt regulierte Struktur einer amerikanischen Nachrichtenredaktion kann zu absurden Situationen führen: So wurden bei KCBS2/KCAL auch schon mal Kameraleute mitten im Dreh ausgetauscht, um ja keine Überstunden anzuhäufen..
Zu meinem großen Bedauern führte oben erwähnter Regulierungswahn auch dazu, dass für Burns-Stipendiaten bei KCBS2/KCAL schlichtweg nichts zu holen ist. Bis auf einige Alltagsbeobachtungen im Rahmen eines nicht-interaktiven Blogs durften keine Gedanken oder Ideen aus meiner Feder das Licht der Fernsehröhre erblicken. Also hieß es: Zugucken, Mitlaufen und Versuchen das Beste aus der Situation zu machen – was in den ersten vier Wochen auch kein größeres Problem darstellte. Reporter, Schreiber, Produzenten, Moderatoren, Management, Kameraleute, Sportredakteure, Cutter und On-Air-Promoter – jeder hatte ein offenes Oh und fünf Minuten Zeit für einen fachlichen Austausch. Auch so ließ sich viel lernen!
Der zweite Monat ließ sich definitiv langsamer an. Um nicht zu sagen sehr langsam. Ich hatte alle Abteilungen des Senders abgegrast und praktisch jeden der rund 400 Kollegen kennen gelernt. Jetzt wäre eigentlich die Zeit gewesen, selber etwas zu produzieren (was ja aus bekannten Gründen nicht möglich war) oder die Station zu wechseln. Doch dafür war Los Angeles zum einen zu faszinierend und zum anderen die Hoffnung zu groß, wenigstens für die Heimat tätig werden zu können. Also blieb ich.
Privat lief alles besser als jemals erträumbar. Claudia, vormals schon erwähnte Burns-Alumna hatte mir für den ersten Monat eine Unterkunft bei einer Arbeitskollegin und ihrem Ehemann besorgt, die im Norden der Stadt ein Haus bewohnten, in dem ein gemütliches Gästezimmer auf mich wartete. Marty und Tony machten sich alle Mühe, mir die angenehmen Seiten der Stadt näher zu bringen – was darin mündete, dass ich zu den besten Zeiten drei Mal pro Woche zu Filmpremieren in Hollywood eingeladen war (Martys Mitgliedschaft in der Writers Guilt of America sei Dank – so hatten die Gewerkschaften doch noch was Gutes).
Im zweiten Monat kam es sogar noch besser: John, ein weiterer Arbeitskollege, lud mich ein, an den Strand zu ziehen – eine Einladung, die ich nicht ausschlagen konnte..
Die steigende Zahl freier Stunden gen Ende meines Aufenthaltes nutzte ich zum intensiven Studium der 13 Stunden News, die KCBS2/KCAL täglich produzierten.
Hier einige Beobachtungen:
Ein Tusch, ein Jingle, „…and welcome to KCAL9 news at two!“.
Während der Durchschnittszuschauer noch schnell seinen letzten Soft Taco a la Mexicana mit einem Schluck Diet Coke in die Verdauungsumlaufbahn schickt, kündigt Anchorman Dave Gonzales den Appetizer der Show an: Ein Doppel-Mord mit Gang-Hintergrund in Garden Grove.
Vor Ort meldet sich Veteran-Reporter Dave Lopez.. Mit routiniertem Dackel-Blick und geerdet wie der Felsen von Gibraltar entfaltet er einen Alltagskrimi, der sich gewaschen hat. „Old school“, lobt Producer Peter Wilgoren.
Weiter geht’s mit Celebrity news: Schauspieler Owen Wilson ist im Krankenhaus. Reporter Dave Mecham verliest eine Stellungnahme, in der Wilson die Medien darum bittet, in Ruhe gelassen zu werden. Was KCAL nicht daran hindert, live von vor Ort zu berichten. Woher wir überhaupt wussten, dass Owen im Krankenhaus ist? Polizeifunk…
Dann wird’s wieder ernst: Einer der Anwälte im Phil Spector-Prozess hat kurz vor den Plädoyers sein Mandat niedergelegt. Wir haben ein kurzes Statement im on..
Eine als Zeitungsanzeige getarnte Todesdrohung gegen einen Staatsanwalt, ein Handtaschendieb in Ventura County, Regenwasser-Rationierung in Palmdale, der Wetterbericht: Die Show entfaltet einen bunten Themen-Strauss im 1.15-Takt. Länger ist keines der news items. Die meisten sind kürzer. So oft es geht ist ein Reporter live vor Ort – egal wie wenig es zu sehen gibt. Commercial break.
Nach 2.25 gesteht Football-Spieler Michael Vick, Pitbull-Kämpfe organisiert zu haben und entschuldigt sich bei seinen Fans dafür. Kurz darauf brennen in Griechenland die Wälder. Wo wir gerade beim Wetter sind, schnell ein Blick zurück nach Amerika: Im mittleren Westen gab’s am Wochenende ein paar Tornardos und ein paar Tote: Shocking!
„Now in the battle in Iraq“ – nein, kein sarkastischer Spruch von mir, sondern die Anmoderation von Anchorwoman Sandra Mitchell!
Amerikanische Truppen haben ein Haus in Samarra in Schutt und Asche gelegt. Sieben Tote. But peace will prevail… sagt zumindest Präsident Bush in seinem anschließendem Statement.
Mir gefällt der folgende Ansatz schon besser: Ein 86jähriger Surf-Opi aus SoCal versucht, Palästinenser und Israelis zusammenzubringen, indem er ihnen Surfbretter nach Gaza schickt. Gute Geschichte! Stand nur leider schon vor einer Woche in der Zeitung… eigentlich alle Geschichten, die es bei KCBS2/KCAL auf den Schirm schaffen!
Vor dem nächsten Werbeblock noch schnell eine kurze Vorschau (neue Mega-Busse für 100 Passagiere, Kino-Charts und ein Hinweis aufs Internet) – End of part II.
Newscasts bei KCBS2/KCAL sind ein Drama in sieben Akten – 47 Minuten of news netto. Der Rest ist die cash cow – commercial breaks.
Das Format ist extrem kleinteilig. Kurzweile ist wichtiger als inhaltliche Tiefe. Nur nicht langweilen. Das Moderatoren-Team darf gerne mal einen Witz machen. Die Wetterleute sind eh immer happy. 7-jähriges Mädchen vergewaltigt? Terrible! But look at those cute puppies in the next story..
Die Themenauswahl verweigert jede journalistische Kernregel. Das Wichtigste steht nicht am Anfang, die lokale News werden nicht von internationalen getrennt und Aktualität ist nicht das ausschlaggebende Kriterium. Hintergrund ist nicht unerwünscht, wird aber kritisch beäugt. Viel wichtiger: Gutes Video-Material. „If it bleeds, it leads..“, wie Chefredakteur Paul Skolnek sagt..
Eine Vollsperrung des 405-Highways, eine Fahrerflucht nach tödlichem Unfall, ein Einbrecher ist im Kamin stecken geblieben. Keine Nachricht kann zu lokal, zu „nah dran“ an den Zuschauern sein.
Ein Griff in die so genannte „water cooler“-section (das amerikanische Äquivalent zum Deutschen „Bunten“ oder „Vermischten“) pro Viertelstunde kann nie schaden. Wer will schon trockene Nachrichten sehen? Las Vegas steht unter Wasser – perfekte Überleitung zum Wetterbericht!
Auf die Nachricht, dass Atlanta seit Neuestem ein Krankenhaus im Flughafen (wie praktisch!) hat, folgt ein Amateur-Video. das zeigt, wie ein Mann versucht, während eines Flugs eine Tür zu öffnen. Behinderte Kinder lernen mit Hilfe von 3-D-Kameras wieder zu laufen, Yahoo bietet einen neuen E-Mail-Service an und Gelenkoperationen sind der letzt Schrei unter Baby-Boomern.
Je nachdem wie geschäftstüchtig ein Sender ist, können die Werbeblöcke schon Mal etwas ausufern. Mehr als drei Nachrichten sind dann nicht drin, eh es wieder um „the best offer ever“ geht..
Anfang und Ende der Sendung orientieren sich an Vorlauf und nachfolgender Sendung. Es geht weiter mit „Inside Edition“ (einem Hollywood-Glamour-Magazin)? Na, da wird sich doch noch eine Klatsch-und-Tratsch-Meldung finden lassen..
An diesem Montag endet das Programm etwas sachlicher:
Maßgeschneiderte Klamotten sind jetzt auch für kleines Geld zu haben, in Texas gab’s am Wochenende eine Neu-Auflage des 80er-Jahre Klassikers „Tollkühne Männer in ihren fliegenden Kisten“ (gutes Video!), Oregon wurde Zeuge eines Seifenkisten-Rennens für Erwachsene und in Buenos Aires wurde der Tango-Weltmeister gekürt!
Übrigens:
KCBS/KCAL hat dieses Jahr acht lokal Emmis gewonnen – die zweitmeisten unter allen Fernsehsendern von Los Angeles!
Fazit
Trotz aller Mühsal und Enttäuschungen vor allem was die aktive Beteiligung am Programmgeschehen angeht: Das Burns-Fellowship hat sich mehr als gelohnt. Ich konnte in ein Land zurückkehren, deren Menschen mir viel bedeuten und dessen Kultur mich seit meiner Jugend fasziniert hat. Den viel zitierten Wandel des Anti-Terror-Bush-Amerikas hautnah erleben zu dürfen, hat viele Vorurteile aus dem Weg geräumt, einige Ferndiagnosen bestätigt und tausend neue Fragen aufgeworfen – herrlich! Am Ende bleibt vor allem eine Überzeugung: Wer eine fremde Kultur verstehen will (und die Vereinigten Staaten von Amerika sind eine fremde Kultur, auch wenn viele Europäer das nach dem Konsum einiger hundert Hollywood-Streifen, ebenso vieler Fastfood-Burger und dutzender Fernsehserien nicht mehr richtig wahrhaben wollen), kommt nicht umhin, in dieser Kultur zu leben. Küche, Bad und Kühlschrank zu teilen macht aus vormals Fremden binnen kurzer Zeit Freunde. Persönliche Begegnungen sind die beste Arznei gegen hässliche Vorurteile oder unheilvolle Stereotype – und dank des Arthur-Burns-Programms ist der Medizinschrank voll!